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alle jahre wieder

Dienstag, 6. Dezember 2005

alle jahre wieder

Sie wollen WAS?
Müllers Augen quollen noch weiter aus ihren Höhlen, als sie es ohnehin schon taten und sein nach unten klappender Kiefer gab den Blick auf die dicke Zunge hinter seinen gelben Zähnen frei.
Sein Unterkiefer begann zu beben. Erst ganz sacht, dann immer stärker. Zwischen den Lippen klang ein leises Glucksen, das immer mehr anschwoll. Nach und nach wurde es zu einem immer gewaltigeren Lachen und schließlich hüpfte Müller vor Gelächter auf seinem Bürostuhl auf und ab. Tränen quollen aus seinen Augen und er hatte Mühe verständliche Wörter herauszubringen.
Urlaub?? Wann? In den Sommerferien?? Mensch, Neumann. Sie sind doch immer wieder für einen echt guten Scherz zu gebrauchen!

Neumann stand vor dem Schreibtisch seines Chefs und schaute benommen auf seine Zehen. Es war alle Jahre wieder das selbe Spiel. Anfang Dezember musste der gesamte Urlaub für das kommende Jahr beim Vorgesetzten eingereicht werden. Das bedeutete, sich spätestens im grauen November damit zu beschäftigen, welche Zeit man Monate später gemeinsam mit Frau und Kindern und ohne Arbeit verbringen wollte. Wobei es das Wort "durfte" eher traf, als „wollte“, denn obwohl Neumann seinen Job im Krankenhaus mochte, hätte er angesichts der anstrengenden, oft nervenzerrüttenden Tätigkeit gern mehr freie Tage im Jahr gehabt.

Neumann, hatte sein Chef ihm mal gesagt, was glauben Sie eigentlich, was mich ihre Arbeit kostet? Mit ihren 30 Tagen Urlaub sind sie 4 Wochen länger, als ein durchschnittlicher Japaner außerhalb des Betriebs! Und haben Sie schon mal auf Ihre Gehaltsabrechnung geschaut? Für Ihr Geld bekomme ich mindestens 2 ½ Asiaten! Ich habe mir schon überlegt, nur noch Japaner einzustellen, schließlich gibt’s davon in dieser Gegend genug. Dummerweise lesen die hier keine Stellenanzeigen. Also hab ich darüber nachgedacht, das Krankenhaus in ein osteuropäisches Billiglohnland zu verlegen. In Rumänien gibt’s wirklich schöne Gegenden mit niedrigen Grundstückspreisen und Pflegekräften, die froh sind, wenn sie für ihre Arbeit eine warme Mahlzeit bekommen. Die meckern auch nicht über die Kantine!!
Dummerweise spielen die Krankenkassen nicht mit, wenn’s um die Transportkosten der Patienten nach Bukarest geht.

Trotzdem, Neuman, von ihrer Sorte gibt’s da draußen Tausende. Wir leben in harten Zeiten und wenn Sie nicht das tun, was ich von Ihnen möchte, können Sie sich ihr Gehalt gern von Herrn Hartz auszahlen lassen. Also denken sie daran, Neumann. Sie sind hier nicht als Mensch angestellt, sondern Sie sind ein betriebswirtschaftlicher Faktor. Also müssen sie auch betriebswirtschaftlich handeln. Kommen wir also zu ihrem Urlaubswunsch zurück. Neumann, Neumann. Schauen Sie sich mal diesen Urlaubsplaner an. Sie sind mal wieder der Letzte, der hier ankommt. Sommerferien. Hören Sie mal, da ist Meier schon im Urlaub. Ja, ich weiß, Sie haben schulpflichtige Kinder. Aber Meier auch. Ebenso Binder, Bode und Kaufmann – und denen hab ich schon das Gleiche gesagt, wie Ihnen. Einer Neumann, immer nur einer darf Urlaub machen, sonst gerät meine schöne Personalstatistik total aus den Fugen.

Schau’n Sie mal: ich habe hier noch Lücken Ende Februar und im November. Neumann, überlegen Sie mal: Februar in St. Moritz – herrlich. Und im November empfehle ich Ihnen Neuseeland. Ein Traum Neumann. Ich bin jetzt schon neidisch auf Sie!
Ach, Ihre Kinder haben da Schule. Naja, Neumann, ich hab gehört, bei Ihnen läuft’s zu Hause eh nicht so toll. Also lassen Sie Frau und Kinder einfach zu Hause. Allein macht Urlaub doch eh viel mehr Spaß. Und Neumann, Und Neumann, ich hab da von meiner letzten Dienstreise ein paar Adressen... . Nette Clubs und sehr zuvorkommende Damen. Fragen Sie mal den Betriebsrat. Der war auch schon da!

Ach Neumann, nun hören Sie aber auf. Was soll das Gejammer, sie wollen gern mit Ihrer Familie zusammen sein und Sie können sich solch teuren Urlaub ohnehin nicht leisten, weil wir Ihnen das Weihnachtsgeld gestrichen haben. Jetzt denken Sie nicht immer nur an sich, sondern auch mal an den Betrieb und an mich, Neumann. Schau’n Sie mal, meinen Dienstwagen da draußen. So ein BMW muss bezahlt werden. Und Sie können doch nicht wirklich verlangen, dass ich zu einem Gespräch mit Krankenkassenvertretern und Architekten mit irgendeinem Opel fahre. Was würde das denn für einen Eindruck machen. Außerdem muss ich demnächst zu diesem 14tägigen Motivationsseminar nach Sylt. Da brauche ich einen schnellen Wagen, sonst müsste ich zwei Stunden eher von der Arbeit abfahren. Wissen Sie, was das den Betrieb kosten würde??

Apropos Motivation. Wissen Sie eigentlich, woher dieser Begriff kommt? Der kommt von movere, was lateinisch ist, und „bewegen“ heißt. Also Neumann. Nun bewegen Sie sich mal aus meinem Büro und machen Ihre Arbeit. Ich habe ein wichtiges Arbeitsfrühstück, das nicht warten kann.

Einige Sekunden später stand Neumann auf dem langen weißen Flur und überlegte, wie er das mit dem Urlaub seiner Frau beibringen sollte. Vermutlich würde es eh nicht mehr lange seine Frau sein, wenn er ihr beichten würde, dass es schon wieder keinen Familienurlaub geben werde. Vielleicht sollte er schon mal einen Möbelwagen bestellen, für den Fall, dass sie ihn heute noch aus der Wohnung wirft.
Naja, dachte sich Neumann. Dann kann ich wenigstens den Urlaub im Februar für die Renovierung meiner neuen Wohnung gebrauchen. Außerdem hat so ein Umzug ja etwas mit Bewegung zu tun. Und Bewegung, das hatte er gerade erfahren, ist Motivation. Und so verstand er schließlich, was sein Chef bei den teuren Seminaren zum Thema „Mitarbeitermotivation“ lernte.

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