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no sex and the city

Montag, 25. April 2005

no sex and the city

Es war Sonntagabend und ich saß, auf dem Rückweg von einem Date, im Intercity von Hamburg nach Hannover. Es war einer dieser Züge, die früher "Interregio" hießen, dann wurde außen ein roter, statt eines grünen Streifens auf die Wagons lackiert und der Fahrpreis angehoben. Die grünliche Neonbeleuchtung blieb die selbe. Wenn Sie einmal wissen möchten, wie es ist, unter Depressionen zu leiden, müssen Sie sich nur 2 Stunden dieser Atmosphäre hingeben.
Als Gegenmittel half da nur ein amüsantes Buch, dass das Singleleben einer Großstädterin beschreibt. Die Lektüre führte allerdings dazu, dass meine Mitreisenden ständig durch mein erfolglos unterdrücktes Lachen aus ihrer Depression hochschreckten. Was mich nach einiger Zeit, bei der Beschreibung der Gedanken, Gefühle und Interessen der Romanheldin zunehmend irritierte, war die Erkenntnis: "Die ist ja genau wie ich".

Verdammt !- ich will nicht, dass eine Frau so ist, wie ich! Das heißt eigentlich will ich nicht, dass ich so bin, wie eine Frau! Ich will männlich sein !!! Warum schaue ich lieber Liebesfilme oder Sissi als "Haudrauf Teil 1 bis 14" mit Sylvester Stallone?? Warum bin ich entsetzt, als ich nach meiner Heimkehr in den Spiegel schauend feststellen musste, dass an meiner Stirn ein riesiger Pickel prangte, den ich nicht einmal hätte retouchieren können, weil beim Packen mein grüner Chanelabdeckstift hinter dem Badezimmerschrank verschwunden ist?

Dann kam mir auch noch dieser dämliche Internet- psychotest in den Sinn. Da hatte ich vor ein paar Tagen diese Seite im Netz entdeckt und mich eine halbe Stunde durch Dutzende von Fragen geklickt, als mir die Balken der Auswertung wie Kanthölzer vor die Stirn schlugen. Zwei Wertungen stachen besonders hervor, die mir attestierten: Ihre weibliche Seite ist besonders ausgeprägt, ihr Verstand nicht!!

Kann man eigentlich einen Psychotest wegen Beleidigung verklagen ??? Also das mit der ‚weiblichen Seite’ war zwar nicht exakt das, was ich hören wollte, aber ich konnte es halbwegs nachvollziehen.

Aber meinen Verstand dermaßen unterzubewerten war eine absolut bodenlose Frechheit. Und woher wollte dieses System das überhaupt wissen?? Ich konnte mich beim besten Willen an keinen Günter Jauch erinnern, der die Frage stellte:
„Was sorgt in der Sauna für einen besonderen Hitzeschub?"A: Einlauf,
B:
Aufguss, C: Abreibung oder D: Aufriss“.

Da ich in der Sauna noch nie einen Aufriss hatte, Einläufe oft der Grund sind, warum meine Patienten nicht zur Therapie kommen, in unserem Krankenhaus aber keine Sauna existiert und ich mich noch gut an die Abreibungen meines Kinderfreundes Jens erinnern kann, die zwar durchaus mit Hitzeschüben verbunden waren, aber meist in freier Natur stattfanden, hätte ich zur Beantwortung einer solchen Frage nicht mal einen Freund anrufen müssen !!!

Trotzdem will die Frage nicht aus meinem Kopf: „Bin ich eine unterbelichtete Trutsche“??? Was ist schief gelaufen in meiner Sozialisation? Soll ich meinem Vater noch Jahre nach seinem Tod einen Vorwurf machen, weil er mich nie mit auf einen Fußballplatz genommen hat? Nein, ihn kann ich nun wirklich nicht dafür zur Verantwortung ziehen, musste ich doch als Jugendlicher meine Ferien häufig auf dem Bau verbringen, weil er, Mitinhaber einer kleinen Baufirma, einen Handlanger benötigte. Wo lernt man raue männliche Wirklichkeit besser kennen, als zwischen derben, Springerpresse lesenden, Bier trinkenden Bauarbeitern? Ich erinnere mich noch gut an eine Szene, es war an einem Mittwoch 1979, als die Bildzeitung über die Hausbesetzerszene berichtete und mich einer der Maurer anpflaumte: „Wenn Du in ein paar Jahren da oben auf dem Dach stehst, dann prügel ich Dich aber persönlich runter!“. Ich weiß nicht, ob das ein Schlüsselerlebnis für meine psychische Entwicklung war, zumindest beeinflusste es doch meine berufliche Laufbahn, weil mir klar wurde, dass das Handwerk zwar goldenen Boden, mir aber keine Perspektive bot.

Aber was sollen solche Gedanken überhaupt??? Immerhin habe ich trotz meiner proletarischen Herkunft ein halbwegs akzeptables Abitur und eine akademische Ausbildung hinter mich gebracht. Und männlich bin ich auch!
Der Beweis gleich beim Nachhausekommen: den Briefkasten geöffnet und das neue Bang&Olufsen- sowie das Hausbesitzer-Magazin herausgekramt. Das ist männliche Post !! Anschließend in die Küche gegangen, den Backofen angemacht und Käseschinken-Aufbackbaguettes vom Aldi reingeschoben. Das ist ein männliches Abendbrot!! Den Kühlschrank aufgemacht und ein „Warsteiner“ herausgeholt. Das ist ein männliches Getränk !! Den alten Schallplattenspieler und die Deep-Purple-Scheibe rausgekramt. Das ist männliche Musik !!

Smoke on the water, a fire in the sky.
Smoke on the water.
Bamm bamm bamm, bammdammdadamm…

Ich konnte mich gerade noch beherrschen, mit der Luftgitarre meine Lautsprecher-Boxen zu zertrümmern! Na also, geht doch!!

Bleibt die Frage, was bei dem Date mit der Hamburger Journalistin schief gelaufen ist?? Warum hat sie sich nicht auf mich gestürzt und mich mit ihren Fingernägeln zerfleischt, hat nicht darum gebettelt, ich möge sie in wilder Leidenschaft in die Abgründe sexueller Obsessionen führen?? Das ist es doch, was Frauen wollen, oder???

Ja ja, ich bin aber auch selbst schuld. Was erzähle ich so einen Blödsinn, wie „Ich hab ne Rolle Küchenpapier verheult, als Billy bei Ally McBeal an einem Hirntumor gestorben ist“ ? Das ist vielleicht etwas, was einen Mann in den Augen einer Frau sympathisch macht aber nichts was einen Mann in den Augen einer Frau männlich erscheinen lässt! Solche Männer wollen Frauen zu Freunden haben, aber sie träumen nicht von Sex mit ihnen!!
Genau !! Männer achten auch nicht auf Körpersprache !! Warum hab ich auf ein Zeichen ihrer körperlichen Zuneigung gewartet? Hätte ich ihr doch einfach meine Zunge in den Hals gesteckt ! – entweder sie hätte sich auf der Stelle übergeben – oder sie wäre mir in die Arme gesunken. Ich erinnere mich an keine Filmszene, in der ersteres passiert wäre, dafür habe ich schon duzende Male auf der Leinwand gesehen, wie Frauen in solchen Momenten die Kontrolle über ihre Beine und ihren Willen verloren!

Egal. Don’t look back in anger klingt aus den Lautsprechern wie eine Aufforderung vorwärts zu schauen. Ein neues Spiel ein neues Glück. Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage. Hmmmm – mir ist noch nie die Doppeldeutigkeit aufgefallen, die Paulchen Panter hier am Ende jeder Trickfilmfolge von sich gab! Aber wie recht er hat ! Da wurden uns kleinen Jungs schon Ende der Sechziger Durchhalteparolen tief ins Hirn gefräst und glücklicherweise können sie in Krisensituationen immer noch reaktiviert werden.

Ein Hoch auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen und all das, was es für uns getan hat. Dinge, die sich die reizüberflutete Generation der Neunziger und des neuen Jahrtausends nur noch mit dem Gefühl blanken Neids an langen Winterabenden vorm Kamin erzählen lassen kann. Catweazle, der uns fern jedes naturwissenschaftlichen Unterrichtsraums in die Geheimnisse des „Elektricktricks“ einführte, Lemmi und die Schmöker, die uns von der Glotze aus die Kinder- und Jugendliteratur nahe brachten oder Robbi Tobbi und das Fliwatüüt, die uns zeigten, wie spannend und gleichzeitig lehrreich Science-Fiction sein konnte, lange bevor es Computeraminationen gab !
Erfahrungen, die glücklich machen, weil wir sie erleben durften. Erinnerungen die bleiben, wie der Geschmack einer perfekten Lammkeule auf der Zunge, wie das Gefühl schweren roten Weins, der die Kehle herunterrinnt. Glück !!!

Damit kommen diese Gedanken und dieses unglaubliche Wochenende zum Schluss. Aber die Erinnerung bleibt. Die Erinnerung an wunderschöne Stunden in Hamburg, an eine für ihr Alter sehr attraktive Frau (Frauen sind ja im Gegensatz zu Männern immer nur „für ihr Alter“ schön), an durchklönte, durchtanzte, durchtrunkene Tage und Nächte !
Und egal ob männlich oder weiblich, hochbegabt oder minderbemittelt – am Ende zählt doch nur – die Liebe!

ppppppppppppppppp ........ hat mal jemand ein Cleanex ?????


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