after the party

komma.vorbei - 9. Apr, 12:04
Ich habe seinerzeit ein geisteswissenschaftliches Studium gewählt, da ich schon immer schwach im Rechnen war. Aber selbst ich begriff, hier konnte etwas nicht stimmen. Es dauerte ein wenig, aber das Ergebnis aus 2 x 1,94 lag auch nach mehrmaliger Kontrolle deutlich unter 4,85. Ich trat näher an die Etiketten, um vielleicht ein Sonderangebotsschild bei der Einzelpackung zu entdecken. Stattdessen sah ich nur den sehr klein gedruckten „Grundpreis pro 100ml“: Einzelpackung 2,58 Euro, Doppelpackung 3,23 Euro. Nun musste mein Mobiltelefon als Taschenrechner herhalten und verriet mir, dass die gleiche Zahnpasta 25% teurer wurde, wenn man sie im Doppelpack zur Kasse trug. Warum bot Wal-Mart bloß keine Viererpackungen mit 50%igem Preisaufschlag an oder verkaufte gar gleich Achterpackungen, in der jede einzelne Tube doppelt so teuer war, wie ihre einsam verpackte Schwester?
„Einen Kaffee bitte“, bestellte die ältere Dame vor mir. Ich stand in der Schlange am Tresen einer dieser Coffee Shops, in denen es keine THC-haltigen Rauchwaren, dafür aber diverse Heißgetränke zu erwerben gibt. Da ich mich im Gedanken gerade mit der bevorstehenden Änderung meines Lebensjahrzehnts beschäftigte, fanden diese Worte erst den Weg in mein Bewusstsein, als die junge Frau hinter dem Tresen, zwar vordergründig freundlich, aber mit etwas zu schriller Stimme fragte:
Aber irgendwann war er plötzlich war er da, der neuerliche Auswuchs überseeischen Kulturimperialismus'
uaaahhhhh, kreiiiiisch, aarrrrrgh, wimmmmmer, .........
Also werden die Zeiten angegeben, zu denen die Werbung beginnt und endet. Auch das wäre kalkulierbar und somit verzeihlich, wenn die Privatsender bei der Berechnung der Sendezeiten nicht Praktikanten beschäftigten, die, der deutsche Bildungsnotstand lässt grüßen, des Rechnens, des logischen Denkens und besonders der Verbindung beider absolut unkundig sind. Da werden einfach Anfangszeit der Werbung und Länge des Films addiert und vergessen, dass es auch und besonders während der Ausstrahlung zu konsumauffordernden Unterbrechungen kommt.
Stellen Sie sich also folgende filmische Situation vor: der Held unseres Films hat gerade achtundneunzig Minuten damit verbracht, seine Frau aus den Händen von Gewaltverbrechern zu befreien und ist nun mit ihr, durch die Wüste von Nevada rasend, auf der Flucht. Gejagt werden sie von üblen Halunken in schweren Lastwagen. Das Fahrzeug des Paares gerät auf einer schmalen Brücke außer Kontrolle, stellt sich quer und ist manövrierunfähig. Einer der Schurken rammt mit seinem Truck den PKW und beginnt ihn vor sich her, in Richtung Abgrund zu schieben. Die Reifen quietschen, blankes Entsetzen in den Gesichtern - und .... poff!
Wie? „poff“??, was! „poff“?? das kann doch nicht das Ende sein!!! Ein kurzes Flimmern und das Bild ist wieder da. Puhhh, Glück gehabt. Aber was ist das? Wieso fährt Olli Klatt jetzt mit seinem alten Hanomag durch die Lindenstraße während Else Kling laut zeternde hinter ihm her läuft. Liegt die Lindenstraße in Nevada? Oder hatte ich die Szenerie des Spielfilms verwechselt und Jeff Bridges wurde in Wahrheit von einem alten Hausdrachen durch die Kölner Filmkulisse einer Vorabend-Soap gehetzt???
Nun, ich merke schon, werte Leserin, angesichts meines Beispiels aus dem Genre der Action-Filme ist Ihnen die Dramatik des Geschehens noch nicht ganz bewusst. Daher vielleicht ein anderes Beispiel, um Ihnen das Einfühlen in dererlei Situationen zu erleichtern: Robert , Fotograf, und Francesca, die Frau eines Farmers, der mit den Kindern für ein paar Tage zu einer Viehauktion gefahren ist, verlieben sich und verbringen wunderschöne Stunden miteinander. Als ihr Mann zurückkehrt bittet Robert Francesca mit ihm zu gehen. Sie ist von Zweifeln zerfressen, entscheidet sich aber bei ihrem Mann zu bleiben. Ein paar Tage später steht Robert plötzlich an einer Kreuzung im Auto vor Ihr. Sie sitzt neben ihrem Mann, weint und weint (und weint), hat die Hand am Türgriff, um vielleicht doch zu ihrem Geliebten zu eilen - und .... „poff“. Ein kurzes Flimmern und Clint Eastwood flüchtet im roten Ferrari über den Nürburgring!? Nun? Wie fühlen Sie sich bei der Vorstellung ??? Möchten Sie schreien ? oder wissen Sie nicht, ob Sie aus Verzweiflung sich, ihren Mann oder den Fernseher aus dem Fenster stürzen sollen?
Wie gesagt: soll, denn erstens kann das Signal während der Aufzeichnung abreißen (und damit auch der Film) oder Sie vertippen sich beim Eingeben der Anfangszeit um nur eine Minute und haben dann den meckernden Reich-Ranicki mit einer Kritik des Buches „Bis das Hirn schmilzt“ statt des herzerweichenden Nicolas Cage in „Stadt der Engel“ auf dem Band !
„Sie heißt Slint“, sagte A.